Jennybox

Die etwas andere Sicht auf die Welt

Wiedersehen an Halloween

Wieder einmal war Halloween und die Geisterwelt machte sich auf, die Lebenden zu besuchen. Jeder Geist, der bereits mehr als zehn Jahre in der Geisterwelt zu Hause war, durfte Gestalt annehmen und diese verlassen, um ihm nahe stehende Menschen zu besuchen. Einer dieser Geister war Lucia. Vor etwa zehn Jahren hatte sie einen Autounfall gehabt und hatte sich zuerst als unsichtbarer Geist in der Nähe ihres besten Freundes aufgehalten. Verzweifelt hatte sie damals versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen, da sie nicht begriffen hatte, dass sie nicht mehr lebte. Schließlich hatte sie still Abschied genommen und ihren Frieden gefunden. Dafür sollte sie nun belohnt werden. Ja, sie würde Viktor wiedersehen. Sie freute sich schon riesig darauf. Und heute an Halloween war es soweit.

Der Abend nahte und die Sonne senkte sich langsam herab. Viktor sah sinnend in den Abendhimmel. Warum musste er gerade heute an Lucia denken? Zehn Jahre war es jetzt her, seit sie gestorben war. Schwer hatte es ihn getroffen, als er von ihrem Unfall hörte. Wieder einmal dachte er an die seltsamen Ereignisse kurz bevor er die Todesnachricht bekam. Hatte sie vielleicht versucht, mit ihm zu reden und er hatte es nicht begriffen? Existierte sie noch irgendwo? Leise wisperte es plötzlich in seiner Nähe: „Ja, ich existiere noch, Viktor, und wenn du es willst, können wir heute miteinander reden.“ Erschrocken sah er sich um, aber da war niemand. Doch dann nahm er einen leisen Windhauch war. Er drehte den Kopf noch einmal zur Seite und – da stand sie, an die er gerade noch gedacht hatte. „Lucia! Bist du das wirklich?“, rief er aus. Sie lächelte, trat auf ihren Freund zu, schloss ihn in die Arme und sprach: „Ja, mein Freund, ich bin es wirklich.“ Er staunte. „Aber wie..?“ Lucia zeigte auf die Gartenstühle: „Lass uns dorthin setzen, ich schätze, das musst du erst einmal verdauen.“ Beide wandten sich zu den Stühlen und setzten sich und dann begann Lucia zu erzählen, von den Stunden kurz nach ihrem Ableben, von ihrem Versuch, mit ihm Kontakt aufzunehmen, von ihren zehn Jahren in der Geisterwelt. Aufmerksam hörte Viktor ihr zu. Schließlich schloss sie mit den Worten: „.. und da heute Halloween ist, darf ich mich in meiner ursprünglichen Gestalt bei den Menschen blicken lassen, die mir am meisten bedeuten.“ Viktor staunte. So hatte er in all den Jahren mit seinen Vermutungen richtig gelegen. Nun war es an Viktor, zu erzählen. Er erzählte ihr davon, wie Betty sie wohl wahrgenommen haben musste, von ihren Fortschritten in der Schule, von der Fröhlichkeit, die sie ausstrahlte. Und natürlich sprach er auch von Maria und der kleinen Rosalie, die gerade mal einen Monat alt war. Da lächelte Lucia und sagte: „Ich war bei der Geburt dabei, Viktor, sie ist wirklich ein hübsches Baby.“ Verblüfft sah Viktor seine Freundin an und fragte dann: „wie, du warst dabei?!“ Doch noch bevor Lucia antworten konnte, grinste er: „Ach so, DU warst das also..!“ „Ich war war WAS?“ Unschuldig sah in Lucia an. „Na du hast doch den seltsamen Schnuller hinterlassen, oder?“, fragte er. „Ach, du meinst den, der je nach Laune die Farbe wechseln kann? Ja, der ist tatsächlich von mir.“, grinste sie.

Irgendwann verließen sie den Garten und gingen langsam durch die Straßen, suchten die Orte auf, an denen sie gemeinsam so oft gewesen waren. Immer wieder kam von ihr oder von ihm ein „weißt du noch..?“ oder „Erinnerst du dich an..?“ Die Stunden flogen dahin und Lucia konnte es natürlich nicht lassen, Viktor den einen oder anderen Streich zu spielen. Selten waren beide so asugelassen und fröhlich gewesen. Und dann wurde es Zeit für Lucia, zu gehen. Sie waren wieder am Gartentor angelangt. „Werde ich dich wiedersehen?“, fragte Viktor schließlich. „Ja“, erwiderte ihm Lucia, „Jedes Jahr am 31. Oktober werde ich wiederkommen. Und wenn du im Sonner einen weißen Schwan zwischen all den Enten im Teich siehst, dann bin das wohl ich“, fügte sie noch hinzu.

Dann sah Viktor, wie sich Lucia langsam veränderte. Sie wurde durchsichtig. Als er das sah, flachste er: „So könntest du glatt bei uns als Gardine fungieren.“ Lucia lachte und meinte: „Na toll, meinst du nicht, dass das auf Dauer anstrengend ist, die Stangen festzuhalten?? Das reicht mir schon, dass ich das ab und zu mache, wenn mir langweilig ist... sowas nennt sich dann wohl Realitay-Kino.“ Und ehe er noch protestieren konnte, waren aus ihrem Rücken Flügel hervorgekommen und sie war verschwunden.

Ende