Jennybox

Die etwas andere Sicht auf die Welt

Schmerzlos!

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Es war ein wunderschöner Morgen, die Sonne strahlte von einem herrlich blauem Himmel. Überall auf den Wiesen und Feldern blühten die Blumen und Gräser und in den Wäldern sangen fröhlich die Vögel.

Eloisa schritt langsam über die Wiese und betrat dann einen schmalen Pfad, der in den Wald hineinführte. Aber wer nun glaubt, sie machte nur einen Spaziergang, um das schöne Wetter zu genießen, der irrt. Im Gegenteil, wer in Eloisas Gesicht sah, wusste, dass sie ganz und gar nicht glücklich war. Ihre Augen sahen verweint aus. Ernst und starr sah sie vor sich hin. Dass sie nicht vom Weg abkam, war eigentlich ein Wunder.

Immer tiefer schritt sie in den Wald. Schon bald wurden die Vogelstimmen immer weniger. Immer dichter standen die Bäume und es kamen nur noch wenige Sonnenstrahlen durch. Aber trotzdem hätte man den Wald nicht als dunkel beschreiben können. Schließlich erreichte sie einen Baumstumpf, auf dem sie sich niederließ. Sie liebte diesen Teil des Waldes. Hier war es so … still, so … friedlich. Hier endlich, fernab von allen Menschen, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Herzzerreißend weinte sie. Aber wenn sie gedacht hatte,hier habe sie niemand gehört, dann irrte sie sich.

Langsam trat eine in strahlendes Weiß gekleidete, schlanke Gestalt auf das weinende Mädchen zu. Eloisa spürte plötzlich, dass sie nicht mehr allein war und hob erschrocken den Kopf. Da sah sie vor sich eine strahlende junge Frau. Sie trug ein langes weißes Kleid und hatte lange, goldene Locken. Hinter ihrem Rücken sah man durchsichtige Flügelsich ausbreiten. Mit gütigen unheimlich blauen Augen sah sie das Mädchen an und sprach leise: „Warum weinst du? Kann ich dir irgendwie helfen?“ Eloisa wischte sich verstohlen die Tränen fort und fragte dann verwundert, ohne sofort auf die Frage einzugehen: „Wer bist du? Und wo kommst du so plötzlich her?“

„Mein Name ist Leya, man nennt mich auch die Fee der Wünsche.“, antwortete sie lächelnd, „und du bist …?“ „Ich bin Eloisa“, sprach das Mädchen leise. „Und um auf deine Frage zurückzukommen, ich bin unendlich traurig, weil ich von der Liebe enttäuscht bin.“ Die Fee setzte sich langsam neben Eloisa auf den Baumstumpf und sah sie sinnend an. Dann fragte sie leise: „Warum bist du enttäuscht? Weil nicht alles so läuft, wie du es dir vorstellst?“ Eloisa schluckte, dann brach es verzweifelt aus ihr heraus: „Ich habe mich in einen Mann verliebt, der nichts von mir wissen will, er hat nämlich gerade eine andere geheiratet und außerdem, warum muss Liebe immer weh tun? Kann es nicht auch Liebe ohne Schmerz geben?“ Nach diesem Ausbruch beruhigte sie sich etwas, dann sah sie die Fee auf einmal hoffnungsvoll an und sprach: „Du hast doch gerade gesagt, man nennt dich auch die Fee der Wünsche. Darf ich mir dann auch was wünschen?“ Ernst sah Leya die junge Eloisa an: „Ja natürlich darfst du das, aber ich muss dich warnen, wähle deinen Wunsch mit Bedacht. Denn nicht immer ist etwas so, wie es scheint.“

Eloisa nickte verstehend: „Dann wünsche ich mir, dass du den Schmerz aus meinem Leben entfernst. Komplett, mit allem was dazugehört.“ Die Fee musterte das Mädchen eine Weile, dann sagte sie: „Das wird ein ziemlich tiefer Einschnitt in dein Leben, bist du dir wirklich sicher, dass du das willst?“ Eloisa nickte heftig. Leya erhob sich: „Also gut, so sei es! Fortan wirst du ohne Schmerz leben!“ Damit hob sie ihre Hand und hielt sie über Eloisas Kopf und verschwand dann.

Die Abenddämmerung senkte sich bereits über den Wald, als Eloisa wieder erwachte. War sie etwa eingeschlafen? Dann plötzlich fiel ihr alles wieder ein und sie erhob sich und ging schnell den Pfad zurück, auf dem sie hierhergekommen war. In ihrem Gesicht waren keine Tränen mehr, es war reglos.

Sorgenvoll sah Leya Eloisa hinterher. Ob sie sich wirklich darüber im Klaren war, was sie sich da gewünscht hatte? Über eines nämlich hatte Eloisa nie nachgedacht: Liebe ohne Schmerz gibt es nicht. Zum Lachen gehört auch, dass man manchmal weinen kann. Tötet man ein Gefühl, tötet man alle Gefühle.

Als Eloisa wieder zu Hause ankam, bemerkte man ihre Veränderung nicht sofort. Aber lange dauerte es nicht. Aus ihr wurde eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die knallhart durchgriff, wenn etwas nicht so lief, wie sie es wollte. Von ihren Freunden waren nur wenige geblieben, und die große Liebe, nach der sie sich immer gesehnt hatte, hatte sie nie gefunden. Aber das war ihr egal. Es interessierte sie nicht mehr. Für die Liebe hatte sie keine Zeit. Das dachte sie zumindest.

Eloisa hatte nämlich selbst nicht bemerkt, dass sie sich grundlegend verändert hatte. Aus dem warmherzigen, fröhlichen, immer zu Scherzen aufgelegten jungen Mädchen war eine ernste junge Frau geworden, die nie lächelte, nie einen Scherz machte. Sie war gleichbleibend freundlich und nett, aber eben nicht mehr. Nein, sie hatte nie wieder Schmerz empfunden, hatte nie wieder geweint, aber sie hatte auch nie wieder von Herzen gelacht.

So verlief ihr Leben in ruhigen geordneten Bahnen. Kurz vor ihrem 65. Geburtstag ging sie noch einmal in den Wald. Sie hätte es nie zugegeben, aber etwas hatte immer an ihr genagt. Es war das Wissen, etwas Entscheidendes verloren zu haben. Aber sie bekam nicht heraus, was es war. Während sie langsam vor sich hin ging, stand plötzlich die Fee der Wünsche vor der inzwischen ergrauten Eloisa.

„Hallo Eloisa, nun, bist du zufrieden damit, wie dein Leben verlaufen ist?“, fragte sie freundlich. Eloisa sah die Fremde erstaunt an. Längst hatte sie jenes Erlebnis im Wald vergessen. Doch noch während sie in die blauen Augen der Fee starrte, fiel ihr alles wieder ein und sie erwiderte: „Ich weiß nicht, ich hab den Eindruck, etwas fehlt, aber ich weiß nicht, was.“ Die Fee nickte und fragte: „Bist du glücklich, Eloisa?“ Eloisa schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube nicht. Ich habe zwar viel erreicht, aber wofür eigentlich? Ich vermisse etwas.“

Leya sah die alte Frau wissend an: „Du hast Recht, dir fehlt etwas.“ Da fiel es Eloisa wie Schuppen von den Augen und sie sagte: „Als ich den Schmerz und die Tränen loswerden wollte, habe ich auch die Liebe und das Lachen geopfert. Oh Leya, was habe ich da nur getan? Um wie viele Erfahrungen, wie viel Glück habe ich mich selbst gebracht? Mein ganzes Leben habe ich vertan!“ Flehend warf sie sich vor Leya auf die Knie: „Du bist die Fee der Wünsche, kannst du das nicht rückgängig machen?!“ Lange sah Leya die Frau an und hob sie dann behutsam zu sich empor: „Eloisa, willst du wirklich dein Leben noch einmal leben?“ Eloisa nickte heftig. „Mit allen Konsequenzen?“, hakte Leya nach. „Ja!“, rief diese verzweifelt.

Da nickte Leya: „Also gut, du sollst eine zweite Chance erhalten. Dreh dich mal um.“ Gehorsam drehte Eloisa sich um, und sah am Waldrand einen jungen Mann stehen, der sie liebevoll anlächelte. „Eloisa, Schatz, da bist du ja, ich hab dich schon überall gesucht!“, rief er ihr zu. Eloisa staunte. Es war DER Paul, der Mann, von dem sie geglaubt hatte, er habe sie längst vergessen. Er wusste von ihrem Schmerz um den Mann, der eine andere ihr vorgezogen hatte. Aber er liebte sie, und war bereit, für sie da zu sein.

Mit einem strahlenden Lächeln ging Eloisa auf ihn zu. Sie war wieder so jung, wie an jenem verhängnisvollen Tag. Sie hatte eine zweite Chance bekommen und durfte ihr Leben noch einmal leben. Es gab in diesem Leben immer wieder Leid und Tränen. Nicht immer blieb ihr das erspart. Aber sie war nie allein. Immer war jemand da, der sie in ihrem Schmerz auffing, sie in den Arm nahm und tröstete, wenn die Tränen wieder einmal nicht versiegen wollten. Es war im Großen und Ganzen ein glückliches Leben!

ENDE