Jennybox

Die etwas andere Sicht auf die Welt

6 - Mörderische Nächte

Ich war froh, dass die Mission der Granger so gut ausgegangen war, denn Agent Mikel und ich waren nicht ganz unberührt von der Sache geblieben. Eine Anomalie der Zeit hatte Dill, ihren Herrscher und Beschützer stark geschwächt und Scientist Loridana, unsere Ärztin, hatte eingreifen müssen. Mikel, der Dills Nennsohn war, hatte dies noch mehr mitgenommen als mich.

Gerade wollte ich die Beine hochlegen und mir ein schönes heißes Bad einlassen, als das Sprechgerät meinem Vorhaben abrupt einen Riegel vorschob. Laut Computer war das Rufzeichen im Display das von Agent Yetrons Handsprechgerät. „Ich hoffe, Allrounder, Sie haben Ihren Dienstkoffer noch nicht ausgepackt.”, begann er. Ich schüttelte den Kopf. „Um so besser.”, fuhr er fort. „Halten Sie sich bereit.”

Ich hörte ein bekanntes Surren und fand mich bald darauf im Transporterraum der Electronica wieder. „OK, Allrounderchen.”, schallte mir eine bekannte celsianische Stimme entgegen. Gegen alle Regeln des Protokolls hatten Cenda und ich ein stilles Abkommen, nach dem sie mich „Allrounderchen” und ich sie „Frau Chefingenieur” nannte, wenn kein Vorgesetzter in der Nähe war. Irgendwie hatten wir uns nämlich angefreundet. „Der Agent wird Sie gleich entführen.” „So so, Frau Chefingenieur.”, frotzelte ich. „Und wohin?”

Die Tür des Transporterraumes öffnete sich und der demetanische Geheimdienstler betrat diesen. „Ich mache am Besten keine großen Worte.”, wendete er sich an mich und zog mich mit sich aus der Tür. Irritiert, aber dennoch neugierig, folgte ich ihm. Wir kamen in Gästequartier eins an, welches teilweise wie ein Kinderzimmer eingerichtet war. „Dies ist Ihr Arbeitsplatz für die nächsten Tage, Allrounder.”, erwiderte Yetron auf meinen fragenden Blick. „Arbeitsplatz?”, echote ich. „Ich bin Kommunikationsoffizierin und Raumschiffpilotin. Was soll ich in einem Kinderzimmer …” Ehe ich ausreden konnte, seufzte Yetron: „Also gut, Sie haben es nicht anders gewollt, Sie neugieriges Etwas.” Dann nahm er das Sprechanlagenmikrofon und sagte: „Sensora, wie weit sind wir noch von der Gefängnisbasis entfernt?” „0,39528 Parsec, Sir.”, antwortete die Androidin auch für mich hörbar, denn Mr. Yetron hatte die Sprechanlage auf Lautsprecher gestellt. Dann drehte er sich zu mir und sagte: „Warten Sie hier.”

Ich ging in das normal eingerichtete Schlafzimmer, setzte mich auf das Bett und begann zu grübeln. Was war hier los? Warum um alles in der Welt war ein Raum hier wie ein Kinderzimmer eingerichtet und wozu brauchten sie mich?

Bald darauf bekam ich einen heftigen Streit zwischen Yetron und einem fremden Agenten mit. Die beiden näherten sich offensichtlich und Yetron war wohl mit einer Sache, die der Fremde tat, ganz und gar nicht einverstanden. Jedenfalls drohte er ihm damit, etwas zur Anzeige beim Chief-Agent zu bringen, wenn er nicht augenblicklich einen bestimmten Code rausrücken würde. Außerdem hörte ich ein Kinderweinen. „Oh Gott, Saskia!”, entfuhr es mir, als Yetron mit der kleinen Q an der Hand das Quartier betrat. „Mein Kopf.”, schluchzte die Kleine. „Mein Kopf tut so weh. Ich will zu meiner Mama oder Tante Larissa.” In diesem Moment sah sie auf und entdeckte mich. "Tante Betsy!”, rief sie und stürzte sich in meine Arme. „Ich bin doch hier, Maus.”, sagte ich leise, während ich ebenfalls mit den Tränen kämpfte. Yetron zog ein Pad, schloss es an sein Sprechgerät an und übermittelte die ihm von seinem Kollegen vor dessen plötzlichem Verschwinden anvertrauten Codes an ein Paar Verteron enthaltende Handschellen, die Saskia getragen hatte. Klirrend fielen sie auf den Boden. „Na.”, sagte Yetron danach freundlich zu ihr. „Sind die Kopfschmerzen jetzt weg?” Saskia nickte und Yetron zischte: „Nicht mal das Recht auf Unversehrtheit hat er ihr gelassen, so einer, für den die Gesetze anscheinend keine Geltung haben, sollte den Beruf des Agenten nicht ausüben. Eine Schande ist so einer für uns, jawohl, eine Schande!“

Saskia war inzwischen zu mir gekommen und hatte sich neben mich auf das Bett gesetzt. Ich hatte sie in den Arm genommen und begonnen, mit ihr zu schmusen. Das hatte mir als Kind auch immer geholfen, wenn es mir nicht gut ging. Yetron hatte mir noch zugeflüstert, dass er Ketna holen würde, die Saskia untersuchen sollte.

Spät in der Nacht bemerkte ich, dass wir immer noch in der gleichen Stellung auf dem Bett saßen. Wir mussten beide eingeschlafen sein. Ich küsste vorsichtig ihre Wange, worauf sie aufwachte und erschreckt schrie: „Nein! Nich’ schlafen! Ich darf nich’ schlafen!” „Hey, scht, Mausi-Mausi-Mausi.”, tröstete ich. „Wieso, hm? Wieso darfst du nicht schlafen? Erzähl mal.” „Dann.”, weinte Saskia. „Dann töte ich die Besatzung von der Enterprise. Du weißt schon, die von Picard.” „Was?”, gab ich irritiert zurück. „Die haben gesagt, ich mach’ die Zeitlinie kaputt und ich töte alle. Aber, Tante Betsy, auf dem Schiff war auch meine Mama. Ich will meine Mama nich’ …” Sie verkrampfte sich und wieder flossen Kindertränen. „Knuffi.”, flüsterte ich und streichelte sie. „Was haben die denn gesagt? Wie machst du das denn?” „Na das ist doch baby-leicht.”, antwortete sie. „Mit meinen Träumen. Aber ich will das nich’.” Da entdeckte ich, dass ich verwanzt war. Jetzt begriff ich auch, was Yetron von mir wollte. Seine Kollegen waren dabei gescheitert, aus Saskia irgendwas herauszukriegen und mir vertraute sie. Vor dem Sternenflottengeheimdienst mit seinen Verteronwaffen hatte sie tierische Angst. Aber wenn man das klären wollte …

Ich nahm einen dicken Teddy von einem Regal, versteckte mein Gesicht hinter seinem und sagte mit verstellter Stimme: „Du, Betsy, kannst du mir sagen, wie Saskia das genau macht, ich habe gerade irgendwie nur Bahnhof verstanden.” Dann kam ich wieder hervor und sagte: „Weiß ich nicht, Teddy. Aber vielleicht kann sie es dir sagen. Frag sie doch mal.” Erneut hinter dem Bären versteckt sagte ich: „Wie machst du das denn, Saskia?” „Ganz einfach, Teddy.”, antwortete die Q jetzt schon etwas weniger ängstlich. „Ich sehe immer die Enterprise. Sie jagt meinen Papa, der ein weißer Blitz ist. Picard sagt, dass er bezahlen soll. Dann schießen sie mit einer komischen Waffe auf ihn. Er ruft nach mir. Ich will nich’ dass er stirbt Ich hab’ Angst und wütend bin ich auch. Dann will ich, dass Picard stirbt, weil er meinen lieben Papa nicht tot machen soll. Die komische Waffe hat die gleiche Farbe wie die Handschellen.”

Ich warf den Bären weg und drückte sie fest an mich. Zitternd konnte ich gerade noch die Sprechanlage bedienen und Yetron Bescheid sagen, bevor ich ebenfalls zusammenbrach.

Ich erwachte auf der Krankenstation. Solthea stand neben meinem Bett. Ketna war bei Saskia. Yetron stand zwischen den Biobetten und hörte sich den Bericht der Medizinerinnen an. „Allrounder Betsy hat das Ganze wohl etwas mitgenommen, Sir.”, sagte Solthea. „Mehr Sorgen macht mir der Zustand von Saskia.”, sagte Ketna. „In ihrer Hirnrinde fand ich Reste von Sytanias neuraler Energie. Anscheinend benutzt unsere Widersacherin Saskia, um die Zeitlinie zu schädigen. Saskias Kräfte sind noch nicht ausgereift und sie ist ein unbedarftes Kind. Was weiß sie schon von der bösen Welt da draußen? Auch wenn sie ein Q-Kind ist, sie ist immer noch ein Kind.” Yetron nickte zustimmend und wollte gehen, als ich ihn fragte: „Sir, welches Motiv sollte Sytania haben?” Er drehte sich um, setzte sich auf mein Bett und antwortete: „Ganz einfach, Allrounder. Wer hat denn zu Q’s Veränderung maßgeblich beigetragen?” „Commander Jenny Janzen, Sir.”, überlegte ich. „Richtig.”, bestätigte er sachlich. Jetzt verstand ich. Wenn Jenny tot wäre, hätte sich Q nie in sie verliebt. Dann wäre es nie zu einem Meinungsumschwung bei ihm gekommen und womöglich hätte er sich noch mit Sytania zusammengetan. Aber, Saskia musste spüren, dass ihre Mutter auch stürbe, stürbe die Besatzung der Enterprise. Deshalb hatte sie dieses Vorhaben nie zu Ende gebracht, was Sytania veranlasst haben musste, es sie immer und immer wieder tun zu lassen.

Die Ärztin hatte Time am nächsten Morgen den Bericht vorgelegt. „Die alte Hexe schreckt doch vor nichts zurück!”, empörte sich Time. „Berichten zufolge ist das Raum-Zeit-Kontinuum extrem geschwächt. Von denen können wir keine Hilfe erwarten. Machen wir es also mal wieder selbst. Vorschläge!” „Der kleinen Maus müsste ständig bewusst sein, dass sie träumt. Wir müssten eine Botschaft in ihrem Bewusstsein verankern, die sie Kontrolle über ihren Traum übernehmen lässt. So kann sie vielleicht die Waffe unter ihre Kontrolle bringen und gegen Sytania benutzen.”, schlug Solthea vor. „Aber wie?”, fragte Ketna. „Keiner von uns ist telepathisch.” „Muss auch niemand sein.”, meldete ich mich. „Jedes Display in ihrer Nähe könnten wir mit zwei einfachen Sätzen wie: Dies ist dein Traum. Und: Du kontrollierst die Waffe. programmieren. Außerdem könnten wir ihr das immer wieder sagen, wenn einer von uns mit ihr redet. Sie hat außer ihrer telepathischen Wahrnehmung ja auch noch Augen und Ohren, nicht wahr?” Time sah die Medizinerinnen an, die bestätigend nickten.

Inzwischen hatte ich erfahren, dass wir uns auf dem Weg zu Dills Palast befanden. Er war es nämlich, der Saskia angeklagt hatte. Die Zeit drängte und ich beobachtete, dass Saskia nachts immer sehr unruhig war. Eines Nachts stupste sie mir plötzlich in die Seite. „Hab’s geschafft! Hab’s geschafft!” quietschte sie. „Hab’ Sytania die Sappe versulzen äää, die Sippe… Du weißt schon.” Ich setzte mich auf und machte anerkennend: „Wow, Süßmaus! Erzähl mal.” „Ich konnte auf einmal die Waffe kontrollieren. Sytania hat nich’ damit gerechnet, dass ich sie gegen sie benutzen würde. Mann, hatte die die Hosen voll!” „Sagt man denn so was?”, lächelte ich zurück. „Wieso nich’?”, antwortete sie. „Cenda redet nur so.”

Mit Hilfe der Erfasserbilder und auch des Umstandes, dass es Dill wider besser ging, konnten wir schließlich beweisen, dass alles Sytanias Werk war und Saskia nur eine unschuldige Marionette. Dann brachten wir Saskia zu Jenny und Q zurück, die sich herzlich bei uns bedankten. Leider musste Time aber ihre Bitte, noch für eine kleine Feier zu bleiben, abschlagen, denn im Föderationsraum erwartete Nugura bereits seinen Bericht. Außerdem waren wir uns einig, nach dieser Sache erst einmal geschlossen Heimaturlaub einzureichen.

ENDE

von Bianca Trs, März 2009