Jennybox

Die etwas andere Sicht auf die Welt

11 - Eine schwere Entscheidung

Wieder einmal saßen Jenny und Q auf ihrer Terrasse und genossen den herrlichen Morgen.. oder das, was man im Kontinuum eben so Morgen nannte, wenn man das Wetter selber bestimmen konnte. Inzwischen war Jenny etwa 1500 Jahre eine Q und hatte sich ziemlich gut zurechtgefunden. Aber sie hatte ihre Menschlichkeit nicht vergessen – ganz im Gegenteil.

Während Jenny vor sich hin grübelte, stürmte Jean-Luc auf die Terrasse. Er hielt sich den Bauch vor Lachen und japste nach Luft. So ließ er sich in einen der Sessel fallen. Jenny sah ihren jüngsten Sohn alarmiert an. Wenn Jean-Luc so ein Gesicht machte, verhieß das nichts Gutes. Denn sie wusste sehr wohl, dass nicht nur Saskia, sondern auch ihr Zwillingsbruder immer wieder zu Späßen aufgelegt war, die oft auf Kosten anderer gingen. Zum Glück war allerdings bisher niemand ernstlich zu Schaden gekommen.

„Jean, was hast du wieder angestellt?“, fragte Q ihn deshalb ernst. Jenny grinste dabei in sich hinein. Sie sah es ihrem Mann an, wie schwer es ihm viel, ernst zu bleiben, denn das Lachen ihres Sohnes war äußerst ansteckend. „Och öhm… eigentlich nix“, erwiderte dieser, dann prustete er wieder los. „Also jetzt reicht’s mir aber, nun erzähl schon!“, sagte Jenny schließlich grinsend.

„Aaalsooo“, fing er an: „Ich hab da einen ganz skurrilen Fernsehsender gefunden, der unter anderem auch eine Sendung bringt, wo so ein Doppelköpfler sitzt und angeblich den Leuten, die da anrufen, sagt, wie deren Zukunft aussieht…so ein Quatsch!“ „Ja und?“, fragte Jenny. „Na jaaaa, ich dachte mir, wenn die schon mit so einem Schwachsinn Geld machen, dann richtig.“ „Jean-Luc, was hast du getan?“, fragte Jenny, Böses ahnend. „Ich hab dem Doppelköpfler eingeredet, wir Q wären Hellseher und könnten denen alles über die Zukunft erzählen.. und dann hab ich losgelegt.. ähm…ich fürchte der eine Typ da, der baggert jetzt ne Vulkanierin an…. der dürfte jetzt in echte Erklärungsnot geraten… aber was hört er auch auf solche Trottel!“ Jenny und Q fingen schallend an zu lachen. „Du hast WAS?“, fragten beide wie aus einem Mund. Minutenlang hörte man nur Gelächter. Schließlich meinte Jenny: „Solche dämlichen Sendungen gab es zu meiner Zeit schon.. dass die Leute aber auch nach 1500 Jahren noch drauf reinfallen, ist echt nicht zu glauben. Dafür haben sie das irgendwie verdient!“ Immer noch kicherte sie. „Dann aber sagte sie ernst: „Aber Jean, du weißt schon, dass du das mit diesem Typen wieder in Ordnung bringen musst? Eine Vulkanierin.., also ehrlich! Sowas aussichtsloses hab ja noch nicht mal ICH versucht.“ Q sah seine Frau liebevoll an: „Nimm du das doch in die Hand, dann klappt das bestimmt.“ Jenny drehte sich zu ihrem Mann um, gespieltes Entsetzen stand auf ihrem Gesicht geschrieben: „Bist du wahnsinnig? Das geht sowas von gründlich schief, schließlich hab ich das seit.. na eben ’ner Ewigkeit nicht mehr gemacht!“ Dann aber lachte sie. Nene, lass mal Schatz, dass sollen andere wieder gerade biegen.“

Nach einer Weile, als sich die drei wieder beruhigt hatten, sagte Jean-Luc grinsend: „Da ist noch was… ich war danach noch bei Onkel Julian..“ Wieder brach er in Gelächter aus. „Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragte Jenny erstaunt. „Hast du etwa auch ihm einen Streich gespielt?“ „Äh.. jaaa“. „Oh nein!“, stöhnte Jenny, „nicht das auch noch! Was hast du mit dem Ärmsten gemacht?“ Jean-Luc grinste von einem Ohr zum anderen: „Schau doch selber nach, du wirst deinen Spaß dran haben, Mama, das versprech’ ich dir!“ Er feixte immer noch. „Oh oh, na das kann ja heiter werden.“, meinte Jenny nur, drehte sich zu Q um, sagte: „Ich muss mal eben ausbügeln, was unser Sohn da angerichtet hat“, und verschwand.

Im nächsten Augenblick stand sie im Wohnzimmer von Julian und Larissa. Und da sah sie, was ihr Sohn angerichtet hatte und es fiel ihr unendlich schwer, nicht laut loszuprusten. Oh ja, das war DER Hammer! Damit waren sie endlich, nach über 1500 Jahren, quitt! Julian saß da, ziemlich ratlos vor seinem Notebook und starrte es an. Seine Verwirrung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Schließlich aber konnte Jenny ihr Kichern nicht mehr unterdrücken. Dieses Kichern aber kannte Julian nur zu gut. „Jenny, was hast du mit meinem Notebook gemacht?“, fragte er und konnte sich nun selber ein Grinsen nicht verkneifen. Jenny setzte ihr unschuldigstes Gesicht auf, dass sie finden konnte und sagte. „ICH? Ich bin unschuldig, ich war das nicht.“ „Nö, ich weiß, dass war dein Sohn, aber DU steckst da mit Sicherheit mit drin!“, erwiderte Julian grinsend. „Ähm nein, bis eben wusste ich nur, dass er was ausgefressen hat, aber nicht was. Aber ich muss sagen.. gefällt mir!“ Jetzt lachte sie hell heraus. Denn, da auf dem Tisch stand, ein Notebook, dass eigentlich im schönsten silberfarben erstrahlen sollte. Jetzt war es – ROSA.

Es dauerte Minuten, bis Jenny sich endlich wieder weitestgehend beruhigt hatte. „Ist das NIEDLICH!“, gluckste sie, „das müsste man ja eigentlich so lassen.“ Julian sah Jenny entsetzt an: „Aber das kannst du doch nicht machen! Ich will sofort mein schönes, silbernes Notebook wiederhaben!“ Jenny setzte ihr nettestes Lächeln auf und sagte dann: „Aber Julian, ich dachte, du magst rosa Notebooks!“ „Aber doch nur, wenn sie dir gehören, Jenny!“, antwortete er mit einem breiten Grinsen. „Und jetzt mach das da bitte wieder rückgängig, ja?“ Jenny lachte: „Ist ja schon gut, ich mach ja schon“, schnippte mit den Fingern und schon stand da das silberne Notebook, als hätte es das rosafarbene nie gegeben.

Als beide sich dann genug amüsiert hatten, fragte Julian: „Sag mal, Jenny, du weißt, warum Jean-Luc eigentlich hier war?“ „Äh nein, gibt es da etwas was ich wissen sollte?, fragte sie im Gegenzug. Sie hatte sehr wohl Julians sehr ernsten Ton wahrgenommen und ahnte, dass da etwas Unangenehmes auf sie zukam. „Jenny, du warst lange nicht hier und hast deshalb etwas nicht mitbekommen, wenn Jean-Luc euch nichts gesagt hat.“, sprach er dann bedächtig. „Was haben wir nicht mitbekommen? Julian, sprich bitte Klartext. Du guckst mich an, als könnte das den Weltuntergang bedeuten: Was ist los?!“, fragte Jenny erregt. Unruhig stand sie auf und trat ans Fenster. Draußen war es inzwischen dunkel geworden. „Jean-Luc liebt Simone und er will sie heiraten“, sagte Julian leise in ihrem Rücken. „Oh nein!“, stöhnte Jenny, „das kann doch nicht wahr sein!“ „Doch, es ist wahr und eigentlich haben wir kein Recht, uns da einzumischen.“, sprach Julian, langsam neben sie tretend. Jenny sah Julian lange an. Sie schluckte. Simone war die Zweitälteste von Larissa und Julian. Wusste ihr Sohn, worauf er sich da einließ? Seine Frau würde sterben, wenn sein Leben mal gerade richtig begonnen hatte. Würde er das verkraften? Er war genau so sensibel, wie sie selbst es immer gewesen war. Es gab nur zwei Möglichkeiten, entweder lebte Jean-Luc hier auf der Erde, in dieser Zeit mit Simone, bis diese starb, oder aber sie nahmen sie mit ins Kontinuum, sofern man ihnen erlaubte, sie zu einer Q zu machen, wenn nicht, dann konnten sie ihr nur ein verlängertes Leben ermöglichen. Aber durfte sie Larissa und Julian ihr Kind wegnehmen? Sie würden sie dann nur sehr selten zu Gesicht bekommen. Würde Simone damit klarkommen, ihre Familie 200 Jahre lang praktisch nicht zu sehen? Für ihre Eltern und Geschwister würde nur ein Augenblick vergehen, aber für sie würde eine sehr lange Zeit verstrichen sein.

An all diesen Bedenken und Befürchtungen ließ Jenny Julian teilhaben. Schließlich ergriff er Jenny bei den Schultern, sah sie lange an und sprach: Jenny, meine große Schwester, wir haben einander immer vertraut und ich weiß, du wirst gut auf sie aufpassen, also nimm sie mit ins Kontinuum, wenn ihr die Erlaubnis bekommt. Ich weiß ja, dass sie bei euch gut aufgehoben ist und ich weiß auch, dass Jean-Luc gut für sie ist und er gerne hier ist.“, dabei grinste er schelmisch.

„Also gut“, seufzte Jenny schließlich, „Ich werde mit Q sprechen und wir werden uns mit dem Rat im Kontinuum in Verbindung setzen. Ich sage euch dann Bescheid, wie die Entscheidung ausgefallen ist.“ Julian nickte nur. Jenny drückte ihren besten Freund, der für sie wie ein Bruder war, kurz an sich und sagte leise: „Ich muss jetzt zurück, grüß Larissa und die Kinder von mir, ich melde mich.“ Sie drehte sich um und hob bereits ihre Hand, da wandte sie sich mit einem schelmischen Grinsen noch einmal um: „Soll ich dein Notebook nicht doch…?“. „Mach das du verschwindest, ehe du das wirklich noch tust!“, erwiderte Julian auflachend. Dann war sie weg.

Wieder zu Hause angelangt, erzählte sie Q, was sie von Julian erfahren hatte. Gemeinsam machten sie sie sich auf, um mit dem Rat zu sprechen. Der erlaubte ihnen allerdings nur, Simone ein verlängertes Leben zu ermöglichen. Nur ihre Kinder, falls es denn welche geben sollte, würden Q sein.

Schweren Herzens teilte Jenny dies ihrem Sohn mit, der das aber mit Fassung aufnahm und meinte: „Danke für eure Hilfe, Mama, wir werden das Beste draus machen. Dann werde ich jetzt mal zu Tante Larissa und Onkel Julian gehen und ihnen sagen, wie die Dinge stehen.“ Jenny nickte nur.

Wenige Wochen später fand auf der Erde die Hochzeit von Simone und Jean-Luc statt. Nach der bewegenden Trauung, die alle sehr gerührt hatte, vor allem Jenny, die sich an ihre eigene Hochzeit mit Q erinnerte, standen Jenny, Q, Larissa und Julian zusammen und beobachteten ihre Kinder beim Tanzen. „Tja“, meinte Jenny, „nun sind wir tatsächlich eine Familie.“ Larissa grinste sie an. „Ja, aber das du mir gut auf deine Schwiegertochter aufpasst!“ „Das wird sie schon“, war Julian überzeugt, „und zu Weihnachten bekommt sie ein rosa Notebook, wetten?“

ENDE

August 2009